Chronotypen und ihre favorisierten Mahlzeiten

Chronotypen und ihre favorisierten Mahlzeiten

Eulenfrühstück
Eulenfrühstück

“Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages!”

Nach wie vor ist das ein oft gehörter Satz, wenn es um Ernährung geht. Wie aber sieht dies aus chronobiologischer Sicht aus? Macht es Sinn, sich als Spättyp morgens zu einem Frühstück zu zwingen, auch wenn man es eigentlich gar nicht runterbekommt?

Präferenzen

Zunächst ist scheinbar tatsächlich davon auszugehen, dass Frühtypen das Frühstück eher als Lieblingsmahlzeit des Tages ansehen als Spättypen. Spättypen hingegen tendieren eher zum Abendessen. In einer Umfrage innerhalb einer 2003 veröffentlichen Dissertation an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck gaben 64% aller Frühtypen (hierzu zählen extremer, moderater und leichter Frühtyp) an, dass ihre Präferenz beim Frühstück liegt. Das Mittagessen folgte noch mit 47%, während das Abendessen noch für 25% die wichtigste Mahlzeit darstellt.

Chronotypen und ihr bevorzugte Mahlzeit
Chronotypen und ihr bevorzugte Mahlzeit

Im Gegenzug dazu liegt die Präferenz der Spättypen mit 63% klar beim Abendessen. Das Frühstück schneidet hier mit 18% schlecht ab. Der Normaltyp bevorzugt interessanterweise ebenfalls weniger das Abendessen. Persönliche Präferenzen sagen nun prinzipiell nichts über gesundheitliche Auswirkungen aus, können jedoch einen Anhaltspunkt liefern, wann der Körper bereit ist Nahrung aufzunehmen. Hierbei spielen jedoch tradierte Werte und persönliche Erlebnisse die  mit dem jeweiligen Essenszeiten (Frühstück, Mittagessen, Abendessen) verbunden sind, ebenso noch eine Rolle.

Gesundheit

Das Frühstück selbst hatte bisher den Nimbus, des gesündesten Essens und wichtigsten Essens am Tag. Zunehmend ergibt sich durch eine wachsende Anzahl an Studien ein anderes Bild. Eine im American Journal of Clinical Nutrition erschienene Studie kamen die Autoren zu dem Schluss, dass u.a. keinerlei Zusammenhang zwischen Frühstück und Gewichtsveränderungen und Gesundheitszustand nachweisbar ist. Zu einem ähnlichen Ergebnis kam eine Gruppe von Forschern in ihrer bereits 2014 in der gleichen Zeitschrift erschienenen Studie. Damals konnte ebenfalls kein Zusammenhang zur Gewichtsabnahmen durch Frühstück hergestellt werden.

Es ist also keinesfalls davon auszugehen, dass ein Spättyp, der das Frühstück zu den klassischen Zeiten auslässt, etwas Wichtiges verpasst. Ernährungswissenschaftler bestätigen, dass jeder Chronotyp auf sich selbst hören sollte:

“Es gibt Eulen- und Lerchentypen. Nachtmenschen kriegen kein Frühstück runter, aber Frühaufsteher fühlen sich wohl damit. Beides ist in Ordnung” (Prof. Dr.med. Dr.rer.nat. Dr.Sportwiss. Christoph Raschka, Huffington Post vom 23.06.2016)

“As a rule of thumb, don’t eat unless you are hungry.” (Als Faustregel gilt: Iss nicht, bevor du hungrig bist!” ( James A. Betts, Ernährungswissenschaftler und Beteiligter an der oben zitierten Studie von 2016, The Guardian vom 21.03.2016)

Wichtig ist dabei zu beachten, dass hier das klassische Frühstück am Morgen gemeint ist. Dies bedeutet nicht, dass Spättypen quasi eine ganze Mahlzeit auslassen und mit Mittagessen und Abendessen auskommen können/sollen. Grundsätzlich geht es aber bei “Frühstück” in diesem Fall eher um die erste Malzeit des Tages. Diese kann auch erst um 12.00Uhr eingenommen werden. Die Anzahl der Mahlzeiten am Tag verändern sich nicht. Es ist lediglich eine Frage des Timings. Statt “Frühstück”, “Mittagessen” und “Abendessen” könnte man genauso “erstes, zweites und drittes” essen am Tag sagen. Dann wird es deutlicher. Das erste Essen fällt also auch bei einem Spättypen nicht weg, es wird nur zu einem späteren Zeitpunkt eingenommen.

Auswirkungen

Vor allem für Gesundheitseinrichtungen wie Krankenhäuser und Reha-Zentren, aber auch Kantinen in Unternehmen und Bildungseinrichtungen wäre es ein Überlegung wert, die Essensvergabezeiten auszuweiten, um auch Spättypen die Möglichkeit zu geben, dann zu essen, wenn sie tatsächlich Hunger haben. Denn auch hier herrscht noch überwiegend die Ansicht, dass ein Frühstück auch früh eingenommen werden muss. Wie lässt sich dies optimaler Weise in der Praxis darstellen?

Unternehmen:

Grundsätzlich macht es Sinn, dass keine festen Öffnungszeiten für Kantinen, und auch generell keine festen Pausenzeiten mehr vorgegeben werden. Ähnlich eines Kiosksystemes, sollte ein Ganztagsangebot an entsprechenden Mahlzeiten angeboten werden, um auch Spättypen die Möglichkeit zu geben, dann Nahrung zu sich zu nehmen, wenn sie Hunger haben.  Flexiblen Arbeitszeiten müssen konsequenter Weise auch flexible Essenzeiten folgen. Einige Unternehmen praktizieren dies bereits und zeigen, dass es funktioniert.

Krankenhäuser:

In Krankenhäusern herrscht überwiegend noch die traditionelle Form der Essensvergabe, die sehr stark an kostenoptimierte Organisationsform der kompletten Struktur folgt. Weckzeiten, Zeiten für die Visite, Essenzeiten, OP-Zeiten etc. nehmen kaum Rücksicht auf individuelle Chronotypen und deren natürlich Bedürfnisse (vor allen dem Schlafbedürfnis). Hier wird Potenzial zu einer effizienteren und nachhaltigeren Rehabilitation buchstäblich ignoriert. Natürlich wäre es optimal, wenn die Organisationsstruktur in Krankenhäuser eine flexible Betreuung nach Chronotypen zulassen würde. Dennoch bieten sich auch in derlei straff und auf Effizienz organisierten Einrichtungen Möglichkeiten, Essen für die Patienten, die zu den vorgegebenen Zeiten keinen Hunger haben, in den Zimmer zu “parken”, bis diese dann auch gegessen werden, statt die vollen Tabletts in Einem wieder einzusammeln. Mobile Warmhalteboxen in den Zimmern könnten z.B. sogar Mittagessen über einen längeren Zeitraum warmhalten, sodass dann gegessen werden kann, wenn tatsächlich auch Hunger eintritt.

Reha-Einrichtungen:

Da es Reha-Einrichtungen in unterschiedlichster Form gibt, macht es Sinn, sich diese im Einzelnen anzusehen. Eine psychosomatische Einrichtung ist anders organisiert als eine orthopädische Reha. Dennoch gilt hier das gleiche wie für Unternehmen und Krankenhäuser. Ausgedehnte Kantinen bzw. Kioskzeiten sowie Warmhalteboxen können hier ebenso eine Möglichkeit darstellen. Hinzu kommen hier jedoch auch die Therapiezeiten, die entsprechend berücksichtigt werden müssen. Je nach Therapie kann es den Therapieerfolg reduzieren, wenn Mahlzeiten erst gerade eingenommen wurden, oder der Patient mit starkem Hungergefühl zu einer Therapiemaßnahmen gehen muss. Ganz zu schweigen von der psychischen Belastung die hiermit einhergehen würde. Chronotypen optimierte Therapiezeiten bieten zudem Potenzial, den Therapieerfolg maßgeblich zu unterstützen.

Bildungseinrichtungen:

Bildungseinrichtungen gibt es in verschiedenster Ausprägungen. Neben Schulen zählen hierzu auch Ausbildungs-, Weiterbildungs- und Fortbildungseinrichtungen, sowohl für Jugendliche, wie auch für Erwachsene. Das bisherige Bildungssystem mit festgelegten Unterrichtszeiten, macht es schwer, eine Flexibilität der Nahrungsaufnahmezeiten anzubieten. Die Frage steht im Raum, genau diese Nahrungsaufnahme auch während der Unterrichtszeiten zuzulassen. Dem stehen Aussagen gegenüber, die zum einen das “Essen nebenher” als kontraproduktiv (sowohl in Bezug auf den Lernerfolg, als auch der Gesundheit) ansehen, zum anderen natürlich die Hygiene in Frage stellen. Gefragt sind hier eher die Eltern. Wenn ein Kind morgens keinen Hunger hat, macht es keinen Sinn, ihm ein Frühstück aufzuzwingen. Dies sollte niemand persönlich nehmen, es liegt schlichtweg in der Natur vieler Kinder. Sinnvoller wäre es, den Kindern ein Frühstück mitzugeben, welches Sie dann entweder vor dem Unterricht, oder in der ersten Pause zu sich nehmen können. Was die Zusammensetzung des Frühstücks (gesund, keine Süßigkeiten, kein industriell verarbeiteter Zucker etc.) angeht, stellt dies ein eigenes Thema dar, welches an dieser Stelle nicht angesprochen werden soll. Im Kern mach es mehr Sinn, ein Kind 15min länger schlafen zu lassen, als diese Zeit für ein Frühstück zu reservieren, was gegen ein nicht vorhandenes Hungergefühl eingenommen werden muss. Gleiches gilt natürlich auch für den Erwachsenen, in einer vergleichbaren Situation.

Hotels:

In den meisten Hotels ist das Frühstücksangebot zeitlich begrenzt. Nun macht es einen Unterschied, ob die Kernzielgruppe Geschäftsreisende oder Touristen sind. Touristen können in der Regel selbst entscheiden, wann Sie aufstehen wollen, während Geschäftsreisende in der Regel fix definierten Zeitplänen folgen. Unbenommen davon bleibt, dass viele Touristen sich selbst einen engen Zeitplan setzen, und trotz Urlaub der Wecker seinen festen täglichen Einsatz hat. Damit diejenigen, die gerne ausschlafen wollen, nicht darunter leiden , wäre ein Eulen-Frühstück eine Option. Hierbei handelt es sich nicht um ein umfangreiches Buffet, sondern um ein fest vorbestellbares Frühstück. Der Vorteil darin besteht, dass konkret Menge und Zusammensetzung geplant werden kann. Die Bestellung kann entweder im Vorfeld mit der Buchung erfolgen, oder einen Tag vorher. Wie dies optimaler Weise in den Organisationsablauf einzubinden ist und welchen Umfang das Angebot innerhalb des “Eulenfrühstücks” hat, bleibt dem Hotel überlassen.

Fazit:

Im Kern steht, Menschen die Möglichkeit zu geben, sich Zeiten für Ihre Nahrungsaufnahme weitgehend selbst auszusuchen. Dabei steht das tatsächliche, natürlich auftretende Hungergefühl im Mittelpunkt. Denn erst wenn dies auftritt, sind alle Abläufe im Körper bereit dafür, Nahrung optimal und effektiv verarbeiten zu können.


Sie haben Fragen oder suchen Unterstützung für die Umsetzung entsprechender Ansätze? Sprechen Sie uns an.


Quellen:

Jenny Dinich (2003), Die Auswirkungen des Chronotypus auf Verhalten und Erleben über die Lebensspanne, http://psydok.psycharchives.de

Emily J Dhurandhar, John Dawson, Amy Alcorn, Lesli H Larsen, Elizabeth A Thomas, Michelle Cardel, Ashley C Bourland, Arne Astrup, Marie-Pierre St-Onge, James O Hill, Caroline M Apovian, James M Shikany, and David B Allison (2016), The causal role of breakfast in energy balance and health: a randomized controlled trial in obese adultsAmerican Journal of Clinical Nutrition

Enhad A Chowdhury, Judith D Richardson, Geoffrey D Holman, Kostas Tsintzas, Dylan Thompson, James A Betts (2014), The effectiveness of breakfast recommendations on weight loss: a randomized controlled trial, American Journal of Clinical Nutrition

Gekaufte Studien: Das Märchen vom wertvollen Frühstück, Huffpost, 23.06.2016

Muñoz, Cañavate, Hernández, Cara-Salmerón, Morante (2016), The association among chronotype, timing of food intake and food preferences depends on body mass status, pubmed

 

Michael Wieden beschäftigt sich als Betriebswirt schon seit 2002 mit der „Zeit“ vor allem in Verbindung mit der Chronobiologie und dem Personalmanagement. Schon 2003 hielt er seinen ersten Vortrag (Chronobiologie im Personalmanagement) auf einer Veranstaltung der INQA (Initiative der neuen Arbeit).
Zu denn Themen „Chronobiologie im Personalmanagenement“ sowie mobilen Arbeitsformen hat er bereits Bücher geschrieben, und dabei den Begriff „Liquid Work®“ geprägt.
Michael Wieden ist selbstständiger Unternehmensberater, war von 2012 bis Ende 2016 externer Wirtschaftsförderer für die Stadt Bad Kissingen und Initiator des weltweit einzigartigen Projektes „ChronoCity – Pilotstadt Chronobiologie“. Er hält hierzu im In- und Ausland Vorträge und gibt Interviews. Zudem war er von 2014 bis 2017 Mitglied des Arbeitskreises „Zeitgerechte Stadt“ der ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung in Hannover.
Aktuell hält er Vorträge zum Thema “Chronobiologie im Personalmanagement” und  “Mobile Arbeitsformen”, udun berät Unternehmen bei der Umsetzung chronobiologischer Ansätze im Bezug auf das BGM.