Fördert der morgentliche Wecker Demenz?

Fördert der morgentliche Wecker Demenz?

Über 75% der Deutschen Arbeitnehmer wachen während der Arbeitstage mit dem Wecker auf 1. Dies bedeutet, dass über 75% der Deutschen an Werktagen nicht zu Ende schlafen, der Schlaf also seine wichtigste Funktion (die Regeneration von Körper und Psyche) nicht vollständig ausführen kann. Wissenschaftlich belegt ist, dass Schlafmangel negative Effekte auf Psyche und Gesundheit hat, aber auch das Risiko von Fettleibigkeit und Suchtgefahr erhöht.

Eine aktuelle Studie von Wissenschaftlern der Boston University School of Medicine 2 bringt eine neue Erkenntnis ins Spiel. Sie konnten im Rahmen der Framing­ham Heart Study (Langzeitstudie seit 1996) mit 321 Teilnehmern darlegen, dass es bei älteren Menschen einen direkten Zusammenhang zwischen Demenz und reduzierten REM-Phasen gibt. Je reduzierter die REM-Phasen desto höher die Wahrscheinlichkeit von Demenz. Die Patienten waren im Schnitt 67 Jahre alt und wurden während der Studiendauer auf das Auftreten verschiedener Erkrankungen hin untersucht. Die durchschnittliche Beobachtungszeit betrug zwölf Jahre.

Was aber nun hat der Wecker damit zu tun? Die REM-Phasen sind vor allem in der zweiten Schlafhälfte ausgeprägt, während in der ersten Schlafhälfte vor allem die Tiefschlafphasen dominieren. In der Summe macht der REM-Schlaf rund 20% des gesamten, natürlichen Schlafzeitraumes aus.

Zwischen 70 und 120 Minuten dauert eine Schlafphase. In der ersten Schlafhälfte dominieren die Tiefschlafphasen, in der zweiten Schlafhälfte die REM-Phasen
© Michael Wieden Zwischen 70 und 120 Minuten dauert eine Schlafphase. In der ersten Schlafhälfte dominieren die Tiefschlafphasen, in der zweiten Schlafhälfte die REM-Phasen

Werden wir also vorzeitig vom Wecker (oder jedwedem anderem externen Impuls wie Smartphone, Partner etc.) geweckt, bedeutet dies, dass hierdurch in erster Linie die REM-Phasen betroffen sind, die (je nach Chronotyp) dann nur extrem reduziert stattfinden können. Schon länger ist bekannt, dass eine Reduzierung der REM-Phasen z.B. durch Schlafentzug einen sogenannten “REM-Rebound-Effekt” zur Folge haben kann, der wiederum zu Angstzuständen und Albträumen führen kann.

Diese aktuellen Erkenntnisse lassen nun den Verdacht aufkommen, dass Schlafmangel neben Angstzuständen und Albträumen auch langfristig die Entstehung von Demenz fördert, da das “geweckt werden” in der Regel in der 2. Schlafphase, also der Phase mit erhöhter REM-Aktivität geschieht.

(Quelle: LMU München) Jugendliche sind von Natur aus bis in die Adoleszenz Spättypen

Geht man davon aus, dass gerade Jugendliche, die, wie inzwischen belegt, von Natur aus eher Spättypen sind, durch den frühen Schulbeginn vom Weckereinsatz und damit auch von einer Unterbrechung der REM-Phase  betroffen sind, liegt der Gedanke nahe, dass hier bereits die Grundlagen für eine spätere Demenz gelegt werden könnten. Dies zu belegen, würde allerdings eine generationenübergreifende Langzeitstudie benötigen. So bleibt dies (vorläufig) nur eine schlüssige Annahme.


Eine Kurzzusammenfassung der Studie “Sleep architecture and the risk of incident dementia in the community”

Ziel der Studie:
Schlafstörungen sind bei Demenz häufig, obwohl unklar ist, ob Unterschiede in der Schlafarchitektur dem Beginn der Demenz vorausgehen. In der kommunalen Framingham Heart Study (FHS) untersuchten wir die Zusammenhänge zwischen der Schlafarchitektur und dem prospektiven Risiko einer Demenzerkrankung.

Ergebnis der Studie:
Es wurden 32 Fälle von Demenz beobachtet; 24 waren konsistent mit Alzheimer Demenz. Nach Anpassung für Alter und Geschlecht waren ein niedrigerer REM-Schlafprozentsatz und eine längere REM-Schlaflatenz mit einem höheren Risiko für eine Demenzerkrankung verbunden. Jede prozentuale Reduktion des REM-Schlafs war mit einer ungefähr 9% igen Zunahme des Risikos einer Demenzerkrankung assoziiert. Die Größenordnung der Assoziation zwischen REM-Schlaf-Prozentsatz und Demenz war ähnlich nach Anpassungen für mehrere Kovariaten einschließlich vaskuläre Risikofaktoren, depressive Symptome und Medikamentenverwendung nach Ausschlüssen für Personen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung zu Beginn und nach Ausschlüssen für frühe Wandler zu Demenz. Stadien von Nicht-REM-Schlaf waren nicht mit dem Demenzrisiko assoziiert.

Rückschlüsse:
Trotz des gegenwärtigen Interesses an Slow-Wave-Schlaf und Demenz-Pathologie, deuten unsere Ergebnisse REM-Schlafmechanismen als Prädiktoren für klinische Demenz an.


Link zur Studie

Michael Wieden beschäftigt sich als Betriebswirt schon seit 2002 mit der „Zeit“ vor allem in Verbindung mit der Chronobiologie und dem Personalmanagement. Schon 2003 hielt er seinen ersten Vortrag (Chronobiologie im Personalmanagement) auf einer Veranstaltung der INQA (Initiative der neuen Arbeit).
Zu denn Themen „Chronobiologie im Personalmanagenement“ sowie mobilen Arbeitsformen hat er bereits Bücher geschrieben, und dabei den Begriff „Liquid Work®“ geprägt.
Michael Wieden ist selbstständiger Unternehmensberater, war von 2012 bis Ende 2016 externer Wirtschaftsförderer für die Stadt Bad Kissingen und Initiator des weltweit einzigartigen Projektes „ChronoCity – Pilotstadt Chronobiologie“. Er hält hierzu im In- und Ausland Vorträge und gibt Interviews. Zudem war er von 2014 bis 2017 Mitglied des Arbeitskreises „Zeitgerechte Stadt“ der ARL – Akademie für Raumforschung und Landesplanung in Hannover.
Aktuell hält er Vorträge zum Thema “Chronobiologie im Personalmanagement” und  “Mobile Arbeitsformen”, udun berät Unternehmen bei der Umsetzung chronobiologischer Ansätze im Bezug auf das BGM.

  1. YouGov 24.05.2016
  2. Matthew P. Pase, Jayandra J. Himali, Natalie A. Grima, Alexa S. Beiser, Claudia L. Satizabal, Hugo J. Aparicio, Robert J. Thomas, Daniel J. Gottlieb, Sandford H. Auerbach and Sudha Seshadri, Sleep architecture and the risk of incident dementia in the community, 2017